Lateinamerikas strukturelle Fußball-Korruption

Die Ermittlungen der US-amerikanischen Justiz sind eine Ohrfeige für die lateinamerikanische Justiz und die Politik – quer durch alle politischen Lager.

Kolumbiens Fußball-Präsident bittet zur Pressekonferenz. Luis Bedoya ist wütend. „Niemals habe ich auch nur einen einzigen Peso angenommen. Alle Verträge sind sauber“, sagt der Mann mit dem Schnauzbart und den kurzen schwarzen Haaren und empört sich über jeden anderslautenden Verdacht. Gerade einmal ein paar Wochen ist das her, als Bedoya wieder einmal seine Unschuld beteuerte. Dann reiste er in die USA und alles änderte sich. Die US-Ermittlungsbehörden offenbarten dem verdutzten Funktionär, was sie denn schon so alles zusammengetragen hatten. Ein geheimes Bankkonto in der Schweiz auf das schon seit Jahren Millionenbeiträge flossen, Kopien von Verträgen über TV-Rechte. Bedoya erkannte die Aussichtslosigkeit seiner Lage, schickte einen kurzen Brief nach Bogota in dem er seinen Rücktritt erklärte und seitdem staunt sein Heimatland über immer neue Enthüllungen von glänzenden Geschäften in die offenbar auch Bedoyas Ehefrau verwickelt ist. Kolumbiens Justiz und Politik war ahnungslos und offenbar auch nicht daran interessiert, sich einmal näher mit den Machenschaften rund um den Fußballverband zu beschäftigten. Zu populär sind die „Cafeteros“ nach ihrer ersten WM-Teilnahme 2014.

Auch in Paraguay hat die lokale Justiz bislang nie hinter die Kulissen des CONMEBOL geschaut. Der südamerikanische Verband hat in Asuncion seinen Sitz. Und dort im Epizentrum des Skandals gab es offenbar paradiesische Zustände. Bis vor kurzem war es weder der Polizei noch der Staatsanwaltschaft überhaupt erlaubt, einen Fuß auf das Gelände des schmucken Verbandssitzes zu setzen. Ungestört konnten die großen alten Paten des südamerikanischen Fußballs dort ihre Strippen ziehen: Ob der inzwischen verstorbene Julio Grondona (Argentinien), Ricardo Teixeira (Brasilien) oder der langjährige CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz (Paraguay), der sich vorsorglich ins eigene Sanatorium zurückgezogen hat: „Nicht transport- und verhandlungsfähig“, posaunen seine Anwälte triumphierend hinaus. Niemand wollte hier etwas wissen, niemand wollte nachschauen, was da hinter den Mauern der schmucken CONMEBOL-Zentrale so alles ausgehandelt wurde. Die Millionenverträge rund um die TV-Rechte der Fußball-Südamerikameisterschaften wurden hier entworfen. Kontrolliert und überprüft wurden sie offenbar nie. Gegen Grondona kann die Justiz nicht mehr ermitteln, dafür sind inzwischen nicht nur Teixeira und Leoz ins Visier der US-Justiz geraten, sondern auch Leoz-Nachfolger Juan Ángel Napout (Paraguay). Tiefer kann ein Verband nicht fallen.

Auch Brasiliens Justiz muss sich angesichts immer neuer Enthüllungen aus dem Washingtoner Ministerium vorkommen wie ein vorgeführter Schuljunge. Gegen alle drei Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes CBF, die seit 1989 die Verantwortung tragen, wird inzwischen ermittelt: Teixeira, dessen Nachfolger Jose Maria Marin und nun auch noch Marco Polo Del Nero. Bei der Machtverteilung innerhalb des Verbandes wurde stets darauf geachtet, dass das Insiderwissen und der Zugriff auf die Geldquellen stets in einer sehr kleinen Gruppe verblieb: Teixeira war Schwiegersohn des inzwischen der Korruption überführten Ex-Fifa-Präsidenten Havelange, Marin war Teixeiras rechte Hand, Del Nero Vertrauensperson von Marin. Und wieder: Niemand fragte nach, niemand schaute hin. Ein Vierteljahrhundert ging das gut, bis die US-Justiz sich die Machenschaften einmal näher anschaute.

Überraschend still hat bislang nicht nur die südamerikanische Justiz gehalten, auch die südamerikanische Politik schaut erschreckend distanziert zu. Es gibt weder tiefgreifende Reformvorschläge, noch wagt sich bislang ein namhafter Politiker mit Einfluss aus der Deckung, der sich des ganzen südamerikanischen Sumpfes überhaupt einmal annehmen will. Zu groß ist die Angst in ein Wespennest zu stechen, aber auch die eigene Verbindungen mit dem Fußballgeschäft. Argentiniens neu gewählter Staatspräsident Mauricio Macri war lange Jahre Chef des Traditionsvereins Boca Juniors in Buenos Aires, Paraguays Präsident Cartes ist zugleich Präsident des populären Fußballklubs Libertad. Sie sind in ihren Fußballämtern bislang nicht als Reformer aufgefallen. Und Cartes zulezt hatte öffentlich sogar für den inzwischen verhafteten „Napout seine Hand ins Feuer“ legen wollen. Es sieht nicht gut aus für Südamerikas Fußball.

Von Tobias Käufer, Bogota