Schafft die TV-Verträge ab

Es ist die einzige Lösung, den Fußball aus dem Sumpf der Korruption zu befreien: Macht den Fußball zum Kulturgut, schafft die TV-Milliarden ab. Um das zu erreichen, müssen UNO und EU-Kommission den aus dem Ruder gelaufen Markt regulieren, denn die vergiftete Branche ist dazu aus eigener Kraft nicht fähig. Der Versuch einer Bestandsaufnahme und eines Lösungsansatzes.

Nun jammern die Deutschen. Der neue TV-Vertrag der englischen Premiere League hängt die Bundesliga ab, heißt es in den Büros der verzweifelten Klubmanager. Die neuen Milliarden werden selbst Klubs wie West Ham United oder die Stoke City zu Global Playern machen. Chancengleichheit sieht anders aus, klagen Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge oder BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. Dabei ist das, was die deutschen Klubs so hart kritisieren, nur die gleiche Tragödie, die andere Länder durch deutsche Raubzüge am eigenen Leib seit Jahren erfahren. Klubs aus Belgien, der Niederlande, Portugal oder Kolumbien – chancenlos, wenn ein deutscher Klub vor der Tür steht und mit dem Geldkoffer wedelt. Die Großen fressen die Kleinen, so geht es im Fußball. Und nun werden eben die Deutschen gefressen – vom nimmersatten Engländer.

Ökonomische Fußfessel

Wie die TV-Gelder den Fußball verändert, ja geradezu manipuliert haben, beweist ein Blick auf die Liste der Sieger der Champions League der vergangenen vier Jahrzehnte. In den letzten 20 Jahren, also nach Beginn der Explosion der TV-Gelder, gab es genau einen Sieger aus einer kleineren Liga: Den FC Porto im Jahr 2004. Alle anderen stammen aus den großen vier Ligen mit den fetten TV-Verträgen: Spanien, England, Deutschland und Italien. In den zwei Jahrzehnten vor der Geburt des Pay-TV hießen die Gewinner auch mal Ajax Amsterdam, Steaua Bukarest, OM Marseille, PSV Eindhoven oder Roter Stern Belgrad. Ins Finale schafften es damals noch Vereine wie der Club Brügge, Malmö FF oder Benfica Lissabon. Warum: Weil sie es durch herausragende sportliche Arbeit erreichten. Machen wir uns nichts vor, so gut und so hart die ehemaligen Gewinner Ajax Amsterdam, Steaua Bukarest oder Roter Stern Belgrad heute arbeiten mögen, sie werden niemals mehr eine realistische Chance haben, die „Königsklasse“ zu gewinnen. Von einem sportlichen Wettstreit zu sprechen, in dem der Bessere gewinnt, ist deshalb eine Farce. Es existiert inzwischen durch die TV-Verträge eine ökonomische Fußfessel, die alle Klubs aus den kleineren Ligen daran hindert den Mannschaften aus großen Ligen Konkurrenz zu machen.

Neoliberaler Raubtierkapitalismus

Wer die Wirtschaftsbranche Fußball genauer unter die Lupe nimmt, der findet hier alles, was die Kritiker von Neoliberalismus und Globalisierung auf die Straße treibt und Banken anzünden lässt. Denn kaum ein Wirtschaftszweig ist ein besseres Beispiel dafür, welch zerstörerische Kraft ein derartig ungezügelter Raubtierkapitalismus entwickeln kann. Ein Beispiel: Man könnte meinen Kolumbiens Fußball erlebt in diesen Tagen eine neue Blüte. Die goldene Generation um Falcao (Chelsea), James Rodriguez (Real Madrid), Carlos Bacca (Mailand) oder Juan Cuadrado (Juventus) müssten doch für eine riesige Euphorie und volle Stadien in diesem südamerikanischen Land sorgen, das zudem auch noch mit anständigen Wirtschaftswachstumsraten und einer wachsenden Mittelschicht glänzt. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Kolumbiens Arenen sind überwiegend leer. Statt Karten für die Spiele, kaufen sich die Fans lieber ein Pay-TV-Abo um ihre Lieblinge in den europäischen Top-Ligen zu sehen. Die TV-Quoten für die erste Liga sind im Vergleich zu den Übertragungen von Real Madrid mit James Rodriguez erbärmlich. Dies zeigt die verheerende Auswirkung, welche die Abwerbung von „Fachkräften“ aus der Dritten in die Erste Welt hat: Europas mächtige und durch TV-Verträge gemästete Klubs werden noch reicher, Kolumbiens Fußball aber hat nicht einmal den Hauch einer Chance, sich diesem Niveau auch nur anzunähern, weil das Abwerben der besten Kräfte jegliches Wachstum schon im Keim zerstört.

Die Mutter aller Transfers

Das ist völlig aus der Welt gegriffen? Ein Blick in die Fußballgeschichte offenbart das Gegenteil. Es war die Mutter aller Transfers, die einst vor 60 Jahren die Weichen so stellte, dass eine Fußballwelt so entstehen konnte, wie wir sie heute kennen. Damals spielte Alfredo di Stefano noch für die Millonarios aus Bogota, die zu jener Zeit als das beste Team des Planeten galten. Die Stadien waren voll, das Team aus Bogota nicht zu bezwingen. Dann aber wechselte di Stefano nach Spanien und landete schließlich bei Real Madrid. Real stieg zum erfolgreichsten Klub der Welt auf, die Millonarios verschwanden in der Versenkung. Man stelle sich jetzt nur mal folgendes Szenario vor: In Kolumbien würden heute alle diese Superstars in der nationalen Liga spielen, die bei der WM 2014 für Furore sorgten. Für wen würden die kolumbianischen Fans dann ihr Geld ausgeben? So aber fließen die Millionen ab, ein Fußball-Land wird wie zu Zeiten der Kolonialisierung ausgebeutet.

Einzigartig und elitär

All das schreit geradezu nach Leitplanken für einen aus dem Ruder laufenden Markt. Der Skandal um die FIFA lässt uns nur erahnen, was an der Spitze des Weltfußballs so alles möglich war. Keine andere nichtstaatliche Institution hat in den vergangenen Jahren die Macht besessen, darüber zu entscheiden, in welchem Land dieser Welt Milliardenaufträge für Bauprojekte vergeben werden. Die Herren der Exekutive konnten durch das Votum über die WM-Vergabe Milliardenströme leiten, sie entschieden welche Baukonzerne in welchem Land neue Autobahnen, Flughäfen und Stadien bauen durften. Bekommt diesen Milliardenauftrag der Konzern Odebrecht in Brasilien, ein Konsortium in den USA oder rollen die Bagger in Katar? Nur ein naiver Dummkopf wird glauben, dass hier hinter den Kulissen nicht auch noch Millionen Schmiergelder von Baulöwen geflossen sind. Und diese Macht besitzt die FIFA letztendlich nur durch den Besitz der TV-Rechte, die den Weltverband so einzigartig so elitär macht.

Stillschweigen vereinbart

Das Traurige ist, das wird nur die Spitze des Eisberges sein, denn es fehlt jegliche Transparenz im Fußballgeschäft. Wer wundert sich nicht über das Zustandekommen einer Ablösesumme? Warum kostet der Spieler X zehn Millionen, der Spieler Y aber 15 Millionen, obwohl sie sportlich in etwa gleichwertig sind? Ist folgendes Szenario so abwegig: Der Manager ihres europäischen Klubs hat einen Spieler in Rio de Janeiro entdeckt. Der Scout lobt dessen Stärken, der Aufsichtsrat gibt grünes Licht. Also fliegt der Sportdirektor des interessierten Klubs nach Brasilien. Dann wird verhandelt. Der Marktwerkt des Spielers liegt bei zehn Millionen Euro. Doch plötzlich schlägt der brasilianische Manager seinem Verhandlungspartner folgenden Deal vor (es könnte genauso gut auch umgekehrt sein): Der europäische Klub zahlt keine zehn, sondern zwölf Millionen Ablösesumme. Zu Hause erzählt der Manager dann seinem Aufsichtsrat, es wären sehr schwierige Verhandlungen gewesen, denn die Konkurrenz habe mitgeboten. Von den zwei Millionen, die über dem geschätzten Marktwerk gezahlt wurden, erhalten alle am Deal beteiligten Personen den jeweils gleichen Anteil. Über die Spielerberatungsfirma abgewickelt, die irgendwo auf ein Konto in Panama oder den Bahamas die entsprechenden Beratungshonorare zahlt. Undenkbar? Über die Ablösesumme und die Vertragsmodalitäten wird, wie es Fußball-Manager so schön ausdrücken, bekanntlich stets Stillschweigen vereinbart. Die Branche wird wissen warum.

Keine Kontrollinstanz

Inzwischen es gibt sehr, sehr reiche Spielerberater mit eigenen Jets, Luxusautos und Privatvillen – gemästet von ihrem Stück eines gigantischen Sahnekuchens, der immer weiter wächst und wächst. Immer höhere TV-Verträge lassen den Kuchenteig wie Hefe aufgehen. Es gibt in diesem Kartell des Fußballs kein unabhängiges Kontrollsystem, das Transfers, TV-Verträge wirklich unabhängig überwacht. Keine „Börsenaufsicht“, die Insidergeschäfte aufdecken und ahnden könnte. Die einzigen Kontrollinstanzen für solche Transfers sind die FIFA und die UEFA …

Bringt die Spieler an die Börse

Wenn man dieses System nicht grundlegend ändern will, dann muss es zumindest durchsichtig und transparent werden: Dann sollte der Fußball sich auch ganz und gar marktwirtschaftlichen Kontrollinstanzen und Spielregeln unterwerfen. Klubs und Verbände sollten dann auch so behandelt, werden wie es der Realität entspricht: Als steuerpflichtige Wirtschaftsunternehmen und Konzerne. Spieler sind für jede Firma eine Wertanlage. Also sollten sie dann an einer Börse wie Aktien gehandelt, die ihren Wert jeden Tag nachvollziehbar festlegen. Der von unabhängigen Wirtschaftsprüfern kontrolliert wird, die sämtliche Geldflüsse, Verträge und Geschäfte einsehen können. Feindliche Übernahmen inklusive. Und bitte mit Kopie in Echtzeit an das Finanzamt. Das verhindert, dass Spieler wie Xavi Alsono oder Neymar wegen ihrer Verträge und dieser gewaltigen Umsätze nicht schon bei der Unterzeichnung wegen Problemen mit der Steuer oder wegen naiven Vertrauens in windige Berater mit einem Bein im Gefängnis stehen. Und dass ein Weltverbandschef TV-Rechte unter der Hand für einen Dumpingpreis verkaufen kann.

Frei empfangbares Kulturgut

Ein anderer Weg aber wäre eine radikale, eine revolutionäre Rückkehr zu längst vergessenen Zeiten: Macht den Fußball zum allgemeinen Kulturgut, gebührenfrei empfangbar für Jedermann im Netz und im TV. Schafft die milliardenschweren TV-Verträge ab und ganz plötzlich wird die Schere zwischen Real Madrid, Ajax Amsterdam und den Millonarios wieder kleiner, wird der Fußball wieder ein Stück weit mehr sportlicher Wettbewerb und weniger Finanzmarkt. Und er wird überschaubarer und kontrollierbarer. Und plötzlich gibt es auch keine Journalisten mehr mit Rechten und ohne Rechte. Keine Redakteure, die ein teuer eingekauftes Produkt „verkaufen“ müssen, damit die Quote stimmt. Natürlich bleibt der Fußball trotzdem unfair: Es wird Klubs mit höheren Zuschauer- und Werbeeinnahmen geben, aber sie sind, wenn die Rahmenbedingungen entsprechend sozialmarktwirtschaftlich geregelt sind, zu verkraften. Der Fußball würde zu dem zurückkehren, was er einmal war, einem im Kern sportlichen Wettbewerb, der zwar Große und Kleine kennt, der aber wieder Leitplanken hat, die inzwischen völlig abgerissen wurden.

Ein Fall für die UN oder die EU

Um das zu erreichen, muss die Politik den Fußball neu organisieren und aufstellen. Denn aus dem Fußball heraus, wird dies niemals möglich sein. Verbandsfunktionäre, Vereinsmanager, Spieler, deren Berater aber auch die Medien mit TV-Rechten haben nur ein Interesse: Dass in diesen Markt noch mehr Geld hinein gepumpt wird, dass noch höhere Gehälter und Provisionen erzielt werden, dass wegschaut wird, wenn Verträge unterzeichnet werden, die das alles manifestieren. Die „Fußballfamilie“ wie sie der Weltverbandsvorsitzende Sepp Blatter so gerne nennt, hat die nicht Kraft dazu, sich selbst aus eigener Kraft zu reinigen, denn alle Beteiligten sind selbst nur Profiteure des Milliardengeschäfts, die niemals den eigenen Ast absägen auf dem sie sitzen. Also muss die Politik ihnen helfen. Dass Sepp Blatter trotz des Korruptionsskandels vor ein paar Wochen unter dem Jubel der Delegierten wiedergewählt wurde, ist dafür ein Beleg.

Um den Fußball, die FIFA und die UEFA zu säubern, sind unabhängige Anti-Korruptionsexperten notwendig. Wozu gibt es EU-Wettbewerbshüter? Möglich ist so etwas: In Guatemala hat eine Unterorganisation der UN gerade den Staatspräsidenten zu Fall gebracht. Die Behörde sammelte an der Seite der Staatsanwaltschaft die Beweise, um ein unfassbares Netzwerk an Korruption aufzudecken. Möglich war dies nur, weil eine unabhängige, übergeordnete und ethisch einwandfreie Organisation, den regulären nationalen Behörden zur Seite sprang, die alleine kaum die Kraft dazu aufgebracht hätte. Man kann den Zustand des Weltfußballs und seiner Strukturen durchaus mit Guatemala vergleichen. In der Politik gibt es dafür einen Begriff: Der „failed State“.

Tobias Käufer
Lateinamerika-Korrespondent und Fußball-Romantiker

© Latin-Soccer.de

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