Keine Paten aus dem Schattenreich

Als Nicolas Leoz noch Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes Conmebol war, gab es am Vorabend eines Finales der Copa America oft das gleiche Ritual. Die akkreditierten Journalisten durften sich in einer Schlange aufstellen und am Podium vorbei defilieren. Der Pate begleitet von den wichtigsten Sekundanten des Fußball-Kontinents nahm geradezu majestätisch die Parade ab. Zugleich gab es für jeden Reporter nicht nur ein großväterliches Täscheln auf die Wange, sondern auch ein kleines Präsent. Meist zückte Leoz ein Buch über Südamerikas Fuballgeschichte aus dem Überraschungspaket. Nach einer knappen Stunde war die Audienz beendet und seine graue Eminenz zog sich für die nächsten Jahre wieder zurück in sein Schattenreich.

Nun aber kommt das Finale des ältesten Nationenturniers immer näher. Am Samstag (22 Uhr MESZ) streiten Argentinien und Chile um die Krone des südamerikanischen Fußballs und die große Frage wird lauter: Wo sind die Funktionäre. Die wichtigsten Würdenträger des Kontinentalverbandes machen einen großen Bogen um Chile. Konnten sich die Journalisten bei früheren Events vor Einladungen der medieninteressierten Verbandsbosse gar nicht retten, herrscht nun gähnende Leere rund um die Copa America. Der Verband selbst reagiert nicht auf Presseanfragen. Ob es an den Auslieferungsabkommen Chiles mit den USA liegt?

Die Abstinenz der südamerikanischen Verbandschefs dürfte zumindest die Trainer gefreut haben. Sie mussten nach bitteren Niederlagen nicht gleich zum Rapport. Es wurde auch kein Trainer entlasssen, die Funktionäre in Kolumbien, Venezuela, Argentinien, Brasilien, Uruguay oder Paraguay sind ohnehin damit beschäftigt, ihren Staatsanwaltschaften daheim Rede und Antwort zu stehen. Es gibt da nämlich noch einige offene Fragen im Zuge der Ermittlungen der US-Justiz.

Das dürfte den Kontinentalverband in seiner Handlungsfähigkeit entscheidend einschränken. In welchen Ländern kann noch getagt werden, ohne dass bei weiteren Enthüllungen die Handschellen und gleich eine Auslieferung droht. Aus dem Rennen ist Paraguay: Erst vor ein paar Tagen haben Präsident und Parlament in Paraguay die Immunität für die CONMEBOL-Verbandszentrale in Asuncion aufgehoben. Unvorstellbar: Dort durfte nicht einmal die Polizei nach dem Rechten sehen, sie hatte ein Zutrittsverbot wie in einer diplomatischen Vertretung eines fremden Landes.

So stellt sich die Frage wie der Verband nach dem Schock vor ein paar Wochen in Zürich, als gleich ein halbes Dutzend seiner wichtigsten Funktionäre hinter Schloss und Riegel verschwanden, einen Neuanfang und vor allem eine Aufarbeitung des ganzen Skandals anpacken wollen. Darüber reden kann und will in Santiago niemand, es ist beim wichtigsten Event des südamerikanischen Fußballverbandes bislang niemand da, der dazu etwas zu sagen hätte.

Von Tobias Käufer, Santiago de Chile, für latin-soccer.de

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