Kommentar: Die Doppelmoral des Christian Heidel

Christian Heidel ist sauer. In der Bild-Zeitung wütet er gegen den chilenischen Nationalspieler Gonzalo Jara nach dessen Unsportlichkeit gegen Edinson Cavani in der Partie gegen Uruguay. „Er weiß: Wenn ein Angebot kommt, kann er gehen“, sagt Heidel.

Das ist nichts anderes als Scheinheiligkeit. Heidel ist ein absoluter Vollprofi. Schon bei der Verpflichtung Jaras wussten die Mainzer welch schlimmen Finger sie sich da geholt haben. Der Klub scoutet gründlich und schaut sich auch das bisherige Verhalten seiner Kandidaten an. Dabei wird man in Mainz von der langen Liste der Verfehlungen gewusst haben, die man bei einem Kauf Jaras gleich mit importiert. Damals hat man abgewogen: Ist das trotzdem einer für uns oder nicht.

Die ganze Wahrheit ist: Jara hat in Mainz bislang nicht funktioniert. Das Fehlverhalten des Defensivspielers jetzt zu nutzen, um einen Vorwand zu bekommen, den Spieler zu entsorgen, ist wirtschaftlich verständlich aber ethisch ebenso nicht ganz sauber. Im Fußball gibt es keine Moral, das weiß auch Heidel. Wer Ergebnisse liefert, hat praktisch Narrenfreiheit. Es ist kaum anzunehmen, dass Heidel den Südamerikaner ebenfalls in die Verkaufsvitrine gestellt hätte, wäre er ein Leistungsträger und Stammspieler.

Nun kann das Feilschen um Jara beginnen. Dem Vernehmen nach ist unter anderem Marseille mit OM-Coach Marcelo Bielsa an Jara interessiert. Da der Noch-Mainzer bei der Copa America bislang sportlich überzeugt hat, wird dessen Foulspiel bald in den Hintergrund geraten. Es gibt genügend Vereine, die einen „Winning-Ugly-Typ“ wie Jara suchen. Vor einem Jahr gehörte auch noch ein Bundesliga-Klub aus Mainz dazu.

Von Tobias Käufer, Santiago de Chile, für latin-soccer.de

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